Sex und junge Eltern

Ohne Sex keine Babys. Aber wenn erst mal eins unterwegs oder schon geboren ist, haben junge Eltern oft mehr Fragen als Lust. Hier kommen die Antworten – und ein paar gute Ideen, was helfen könnte, falls die Libido sich in die Babypause verabschiedet.

Text - Nina Berendonk

„Nur Erwachsene haben guten Sex!“

Der Amerikaner David Schnarch ist einer der berühmtesten Sexualtherapeuten der Welt. In seinen Büchern (z. B. „Intimität und Verlangen“, Klett Cotta, 12,95 Euro) geht er der Frage nach, wie man langjährige Beziehungen und befriedigenden Sex unter einen Hut bekommt. Doch Schnarch hat auch überraschende Antworten für junge Eltern, die versuchen, die Lust zwischen Schnullern und Windeln wiederzufinden.

Mister Schnarch, hat sich unsere Einstellung zu Sex in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Ja, sehr. Aber die wirklich wichtigen Veränderungen haben nicht in den vergangenen Jahrzehnten, sondern in den letzten 200 bis 300 Jahren stattgefunden. Das Wesen einer Beziehung und das, was wir von ihr erwarten, hat sich stark gewandelt. Früher war die Ehe vor allem ein praktisches Arrangement. Heute erwarten wir sehr viel von ihr. Echte Partnerschaft, Nähe – und dazu auch noch guten Sex! Natürlich ist es kein Fehler, das zu erwarten. Aber wo große Erwartungen sind, gibt es eben auch große Enttäuschungen. Besonders anfällig ist die Zeit nach der Geburt eines Babys.

Kann man da während der Schwangerschaft vorbeugen?

Ja, mit ein paar wenigen Dingen. Aber das meiste muss man leider während dieser stressigen Zeit hinbekommen. Es hilft natürlich, eine gute Partnerschaft zu haben. Paare, die Schwierigkeiten haben und ein Kind bekommen, weil sie glauben, das schweiße sie zusammen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Probleme haben, wenn das Baby da ist. Kinder kitten angeknackste Beziehungen nicht. Im Gegenteil: Sie bringen sie oft zum endgültigen Bruch. Zweiter Punkt: Es ist hilfreich, wenn man schon vor der Geburt des Kindes eine gute Sexualität hat.

Ist Sex eine Art Bindemittel für eine Beziehung?

Nein. Sex ist kein Beziehungskleber: Kein Penis ist lang genug, um das Herz einer Frau zu berühren. Ein viel wirksamerer Kleber ist zum Beispiel Großzügigkeit. Die sich auch sexuell zeigen kann. Zum Beispiel, indem man mit seinem Partner schläft, obwohl man gerade keine riesige Lust hat. Oder indem man seine sexuellen Bedürfnisse selbst in die Hand nimmt, wenn man spürt, dass es beim Partner gerade nicht geht. Was Menschen wirklich miteinander verbindet, ist das, was hinter dem Sex steht – nicht der Sex an sich. Ein Paar, das aufgehört hat, miteinander zu schlafen, und dem keine Beachtung schenkt, ist in großer Gefahr. Aber die Lösung ist nicht, dass sie ihre Kleider von sich werfen und miteinander ins Bett hüpfen. Weil sie dort nämlich genauso miteinander umgehen würden wie angezogen.

Was macht eine gute Beziehung aus?

Jedenfalls nicht das Fehlen von Konflikten. In einer guten Beziehung gibt es die Bereitschaft, Konflikte anzugehen. Leute, die sich verhalten wie Türvorleger und niemals für ihre Interessen innerhalb der Beziehung einstehen, haben ein hohes Risiko, in die Scheidungsstatistik einzugehen. Weil man so den Respekt für sich selbst verliert. Ein absoluter Liebesund Sextöter. Wobei auch eingeschlafener Sex nicht zwingend heißt, dass die Beziehung schlecht ist. Sondern nur, dass sich gerade etwas verändert. Das macht aber vielen Menschen eine Heidenangst.

Aber befriedigender Sex lässt sich nicht erzwingen, oder?

Nein, den kann man nicht aus der Tube drücken wie Zahnpasta. Aber man könnte sich zum Beispiel zusammensetzen und zugeben: Unser Sex war nicht so richtig toll in letzter Zeit, und wir haben nicht besonders viel getan, um ihn besser zu machen. Und wir können davon ausgehen, dass das nicht besser wird, wenn das Baby da ist. Also lass uns jetzt gucken, was wir tun können.

Little Baby is watching you: Die exklusive Zweierbeziehung ist nach der Geburt erst einmal dahin. Paare, die es schaffen, daran zu reifen, bleiben sich auch weiter nah
Und? Was kann man tun?

Das Problem angehen. Es gibt unzählige Studien, die besagen, dass die Beziehungszufriedenheit mit der Geburt eines Kindes sinkt. Und dass sie nicht selten auf diesem niedrigen Niveau bleibt, bis das Kind ein Teenager ist. Sich um seine Beziehung zu kümmern kann also bedeuten, dass man sich auf diese harte Beziehungsphase einstellt. Eine andere gute Vorbereitung ist, sich einen Partner auszusuchen, mit dem man sich vorstellen kann, schwierige Zeiten gut zu überstehen. Und nicht jemanden, der nur gut für mein Ego ist.

Das klingt jetzt aber nicht besonders romantisch.

Das ist ein gutes Stichwort. Die dritte und wichtigste Sache, um die man sich vor der Geburt des Kindes kümmern sollte, ist: erwachsen werden. Es gibt da dieses Stereotyp, warum junge Eltern angeblich keinen Sex haben: Sie ist müde und fühlt sich mit ihren Babypfunden unattraktiv, dazu hängt ihr ständig der Säugling an der Brust. Noch schlimmer ist es, wenn das Baby vielleicht arge Koliken hat. Oder eine Frühgeburt ist. Hinter den Kulissen läuft aber noch etwas anderes ab. Und zwar, dass sich viele Männer aufführen wie kleine Jungs. Natürlich ist es hart, dass man nach der Geburt des Babys die Aufmerksamkeit der Partnerin teilen muss und dass man zunächst weniger Sex hat. Aber es gibt Männer, die das einordnen können. Und andere, die daraufhin anfangen, mit dem Kind um die Zuneigung der Mutter zu buhlen. Wenn die Frau dann keine Lust mehr auf Sex hat, hat das weder etwas mit ihrem Schlafmangel noch mit Babypfunden zu tun. Sondern nur damit, dass sie sich von diesem kleinen Jungen nicht sexuell angezogen fühlt! Zum echten Problem wird es, wenn sie sich scheut, das klar zu artikulieren. Sehr viel wahrscheinlicher wird sie sagen: Ich bin zu müde.

Dann ist Reife die wichtigste Voraussetzung, um auch als Eltern ein Liebespaar zu bleiben?

Ganz genau. Eigentlich müsste es laufen wie im Geburtsvorbereitungskurs. Dort sagt ja auch niemand: Wenn du alles machst, was wir dir hier erzählen, wird es nicht wehtun! Sondern man versucht, die Frauen auf den Schmerz vorzubereiten. Und das macht ihn besser erträglich. Wenn man werdende Eltern darauf vorbereitet, dass sie in diesen extrem fordernden ersten Wochen und Monaten auf sich selbst und ihre Gefühle aufpassen müssen und nicht so emotional bedürftig ihrem Partner gegenüber sein dürfen, dann kommen sie besser durch diese extrem fordernde Zeit. Es geht darum, den Schwierigkeiten, die alle Eltern durchlaufen, einen tieferen Sinn zu geben. Und zu kapieren, dass eine gerade etwas hakelige Beziehung nicht heißt, dass etwas prinzipiell schiefläuft. Sondern dass das völlig normal ist, wenn man gerade ein Baby bekommen hat. Nicht die Eltern bringen die Kinder auf die Welt – die Kinder bringen ihre Eltern auf die Welt! Durch Kinder bekommen wir die Chance, wirklich erwachsen zu werden. Und das gilt übrigens nicht nur für Männer: Es gibt genügend junge Mütter, die sich aufführen wie verwöhnte Prinzessinnen anstatt wie erwachsene Frauen. Und weil wir Menschen in der Regel nicht freiwillig reifen, braucht es diese harten, von Stress und auch Angst bestimmten Zeiten. Das hilft nicht nur, die Nähe und damit die Sexualität zwischen den Partnern zu erhalten – es macht uns auch zu besseren Eltern.

Und wie stellt man das konkret an mit dem Reifwerden?

Der Klassiker ist ja der: Man ist plötzlich mit dem Neugeborenen zu Hause und hat leider keine Gebrauchsanweisung für das Baby mitbekommen. Man fühlt sich überfordert – und erwartet von seinem Partner emotionale Unterstützung in dieser stressigen Situation: Er soll gefälligst sensibel auf die Bedürfnisse reagieren. Andersherum findet man es völlig logisch, dass man jetzt keine Rücksicht auf seine Bedürfnisse nehmen kann. An dieser Stelle helfen die vier „Aspekte der Balance“, die ich in meinem Buch „Intimität und Verlangen“ vorstelle. Die kann man wie ein Mantra verwenden. Der erste Aspekt ist ein stabiles und gleichzeitig flexibles Ich. Also: klare Werte zu haben und gleichzeitig die Fähigkeit, diese Werte auch zu verändern, wenn es die Situation verlangt. Zweitens: einen stillen Geist und ein ruhiges Herz zu bewahren. Sich also um die eigenen Gefühle zu kümmern. Drittens: maßvoll reagieren zu können. Das bedeutet, Dinge ansprechen zu können, aber nicht überreagieren. Viertens: bedeutungsvolle Ausdauer. Also auch mal Schmerzen aushalten können, weil man weiß, dass man daran wächst. Daran kann man sich gut festhalten, indem man sich sagt: Okay, schön auf dem Boden bleiben, nicht in Panik verfallen. Nur weil es gerade unangenehm ist, heißt das nicht, dass ich etwas falsch mache. Außerdem hat es einen Sinn. Und, das sage ich Ihnen als Vater einer erwachsenen Tochter: Die Reife, die man in den ersten Monaten mit dem Baby erwirbt, ist eine prima Vorbereitung auf das, was Sie später noch erwartet. Zum Beispiel das Leben mit einem Pubertierenden!

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Fast nie. Es sei denn, es sprechen medizinische Gründe dagegen. In der Schwangerschaft sind das vor allem eine Verkürzung des Muttermunds oder Blutungen – hier sollte man zunächst die Ursache abklären lassen. Auf Sex verzichten sollten Paare bei vorzeitigen Wehen. Vor Infektionen ist das Scheidenklima der Schwangeren wegen der hohen Hormonausschüttung ziemlich gut geschützt. Flammen dennoch immer wieder welche auf, sind Kondome eine gute Lösung. Häufige Infektionen haben übrigens nicht immer mit dem Hyienestandard des Mannes zu tun, sondern auch damit, dass das Sperma von Natur aus einen alkalischen ph-Wert hat und Bakterien dann ein leichteres Spiel haben. Auch Pilze fühlen sich in dem veränderten Scheidenklima wohl. Sie schaden dem Ungeborenen nicht, sollten aber bis zur Geburt verschwunden sein, damit sich das Baby dabei nicht ansteckt.

Warum haben viele Frauen im zweiten Trimenon viel Lust?

Im zweiten Schwangerschaftsdrittel fühlen sich viele Frauen sehr wohl. Sie spüren das Baby im runder werdenden Bauch strampeln, der Busen ist prall, Vagina und Klitoris sind besonders gut durchblutet. Das macht: Lust! „Viele Frauen erzählen mir von erotischen Träumen und haben deswegen ein schlechtes Gewissen“, sagt die Berliner Frauenärztin und Sexualmedizinerin Viola Pinske-Köper (www.fam-praxis.de). „Ich bestärke sie darin, dass das etwas Schönes ist, das sie genießen sollten!“

Sollte man es kurz vor der Geburt etwas langsamer angehen lassen?

Im letzten Trimenon nehmen viele Schwangere stark zu, lagern Wasser ein. Vor dem Sex stehen die Fragen: Bin ich noch attraktiv für meinen Partner? Und in welcher Stellung soll das überhaupt funktionieren? Viele Paare fürchten auch, dass das Sperma eine frühzeitige Geburt auslösen oder der Penis den Kopf des Kindes verletzen kann. „Das ist Humbug“, sagt Pinske-Köper. „Ich ermutige die Paare, es genau so zu machen, wie es zu ihrem Gefühl passt. Wenn beide Lust auf Sex haben – wunderbar. Wenn nicht, dann ist das auch völlig okay!“

Ab wann darf man nach der Geburt wieder Sex haben?

Die Empfehlung der meisten Frauenärzte lautet: wenn der Wochenfluss vorbei ist. Vorher können Bakterien durch die direkte Verbindung zwischen Scheide und Gebärmutter leicht aufsteigen. Schläft ein Paar in dieser Zeit miteinander, ist ein Kondom eine gute Idee. Sechs bis acht Wochen nach der Geburt steht auch der erste Nachsorgetermin beim Frauenarzt an. Wenn alles in Ordnung ist und eventuelle Narben gut verheilt sind, kann er das „Go“ geben.

Und was ist mit Verhütung?

Stillen ist keine sichere Verhütungsmethode! Je mehr Milchbildungshormon Prolaktin im Blut zirkuliert, desto eher wird der Eisprung unterdrückt. Aber schon bei Stillpausen ab vier Stunden kann der Hormonpegel so weit sinken, dass es zum Eisprung kommen kann. Deswegen sollte auch eine voll stillende Mutter an Verhütung denken. Die Pille ist wegen der Östrogene nicht zu empfehlen – sie können den Milchfluss hemmen und der Entwicklung des Babys schaden. Weil sich der Zyklus nach der Geburt erst wieder einpendeln muss, sind natürliche Verhütungsmethoden wie z. B. die Temperaturmethode in den ersten Monaten sehr unsicher. Besser geeignet ist östrogenfreien Verhütung, also etwa eine Spirale, die Minipille oder Depotspritze oder Barrieremethoden wie Kondome oder ein Diaphragma – das aber neu angepasst werden muss.

Sind wir die Einzigen, die in den Monaten nach der Geburt noch keinen Sex haben?

Ganz sicher nicht. Die meisten Frauen haben in den ersten Monaten nach der Entbindung wenig Interesse an Sex. Das hängt mit dem Stillhormon Prolaktin zusammen, das die Lust mindert und den Eisprung hemmt. Und das ist durchaus beabsichtigt von der Natur! Auf diese Weise wird die Bindung zwischen Mutter und Kind verstärkt – und gleichzeitig Geschlechtsverkehr verhindert, der in dieser ersten Zeit vermehrt zu Infektionen und einer neuen Schwangerschaft führen könnte. „Ich versuche, die Frauen beim Nachsorgegespräch ein wenig zu entlasten, indem ich ihnen sage, dass es nicht an einer verschlechterten Beziehung liegt, dass sie keine Lust haben“, sagt Viola Pinske-Köper. „Sondern weil die Natur das so vorgesehen hat!“

Fühlt sich Sex als Eltern anders an?

Es ist ein doofes Klischee, dass Eltern langweiligen Sex haben. Er kann unter Umständen anders werden – aber das heißt ja nicht schlechter! Fest steht, dass man sich nach der Geburt eines Kindes anders definiert. Aus zwei Menschen ist eine Familie geworden. Und in der muss man gut auf die Paarbeziehung aufpassen, damit man sich nicht aus den Augen verliert. Wie? Indem man bewusst Zeit miteinander verbringt. Also: miteinander isst, während das Baby schläft. Oder: sich ins Bett kuschelt und schaut, was passiert. Und keine Sorge, wenn Sie Lust aufeinander bekommen, während das Kind neben Ihnen in der Wiege schläft: Erstens kennt es die Geräusche und die dazugehörigen positiven Gefühle vielleicht schon aus der Schwangerschaft. Und außerdem darf es, solange es noch so klein ist, mitbekommen, dass Sie glücklich miteinander sind!